Donnerstag, 24. März 2011
Laktose-Unverträglichkeit
Die Lebensmittelunverträglichkeiten nehmen zu.
Ende letzten Jahres traf es auch unsere kleine Familie.
Nach langem Leidensweg wurde festgestellt: Tochter 2/3 hat eine Laktose-Unverträglichkeit.
Der rheinische Optimismus stellt direkt fest: Nix wirklich Schlimmes - Besser ne Unverträglichkeit, als eine Allergie .. und überhaupt .. Millionen Asiaten leben damit ganz zufrieden.

Trotzdem konnte ich schon nach 14 Tagen den Satz: "Ist da Laktose drin??" nicht mehr hören und Kochen wurde zum Hindernislauf.
Im Supermarkt verbrachte man die meiste Zeit an der Kühltheke und versuchte verzweifelt das Kleingedruckte auf den verschiedenen Packungen zu entziffern.
Nur um dann doch wieder genervt zu den wenigen MinusL-Produkten zu greifen.

Aber so langsam hat sich alles eingependelt und hin und wieder gibt es erfreuliche Lichtblicke.
Diese werde ich in Zukunft hier festhalten.



Meine Tochter 2/3 ... hat jetzt Abitur – seit vorgestern.
Wir können es immer noch nicht fassen.

Und ich grübel mal wieder drüber nach welch seltsames Karma dieses Kind hat.

Es ist ja nicht allein der Kampf gegen ihre massive Prüfungsangst, der uns seit ca. zwei Jahren beschäftigt. Ein Hindernis was wirklich alles kaputtmachen kann. Nein, es sind auch die von aussen herangetragenen seltsamen Umstände.

In der Abiturvorbereitungsphase, die sie strukturiert geplant hatte um ja alle Fächer zu umfassen und nicht in Panik zu geraten, muß sie überraschend wegen inneren Blutungen ins Krankenhaus. Keiner weiß was los ist, wir haben Angst, in ihrem Inneren wird alles mögliche „gespiegelt“. Nach zwei Wochen weiß man, dass sie eine Laktoseunverträglichkeit hat. Das erklärt viel Leid in den letzten Jahren.

Kurz vor der ersten schriftlichen Abiturarbeit muß sie wieder ins Krankenhaus – undefinierbare Unterleibschmerzen. Sie geht freitags auf eigene Verantwortung raus, weil sie montags die erste Abiturprüfung schreibt. Nach den schriftlichen Prüfungen geht sie wieder ins Krankenhaus. Es ist verblüffend was man alles im Körper spiegeln kann. Gefunden wird nichts, aber alles Wichtige ausgeschlossen. Wir schieben die Schmerzen auf die nervliche Belastung und beschließen das erstmal beiseite zuschieben.

Als Pause von der Lernerei wollten wir uns Rosenmontag den Karnevalszug ansehen gehen.
Leider waren wir mit unserem Auto zur falschen Zeit am falschen Ort. Vielleicht hätte irgendwer dem Herrn türkischer Abstammung in dem dicken Mercedes mal sagen sollen, dass man nur im vollen Tempo über eine rote Ampel fährt wenn die Strasse FREI ist. Unser Schutzengel hatte alle Hände voll zutun, aber er hat erstklassige Arbeit geleistet: Von vier Insassen ist keinem wirklich was passiert. Das übliche Schleudertrauma und schmerzhafte Prellungen usw.. und das Auto ist natürlich Schrott.
Aber wer hat natürlich wieder am meisten abbekommen? Richtig: Tochter 2/3.
Drei Wochen Bewegungseinschränkungen, Schmerzen, verschobene Wirbel usw.
Anwalt rät zum Krankschreiben – kein Problem.

Die Ergebnisse der schriftlichen Prüfungen werden bekanntgegeben: Tochter 2/3 fehlen noch 7 Punkte.
Die erste Arbeit war die beste, danach stark abnehmende Tendenz. Ich weiß genau was passiert ist. Die Panik nahm ständig zu. Die Abstände waren zu kurz um sie in den Griff zu bekommen. Bei der letzten Arbeit hat sie fast nichts geschrieben, obwohl es ihr stärkstes Fach ist.

Freitag, 18. März, die genauen Termine für die mündliche Abiturprüfung werden bekanntgegeben.
Die Spannung steigt.
12 Uhr mittags habe ich ein heulendes Kind am Telefon, dass mir erzählt der Schulleiter wolle sie nicht zur mündlichen Abiturprüfung zulassen, weil er davon erfahren habe, dass sie krankgeschrieben ist.
Sie und die anderen aus dem „Block“ müssten dann nachschreiben.
Ich verstehe garnichts mehr. Die Schule hat die Krankmeldung garnicht .. aber Deutschland einig Bürokratenland ...

Wir sind ja krisenerprobt ...

Es dauert 20 Min. bis ich den Arzt privat am Telefon habe, der 15 Min. später übers Wochenende wegfahren will, ihn überredet habe nochmal in die Praxis zu gehen und ein Attest zuschreiben, dass die Teilnahme an der Prüfung medizinisch unbedenklich ist. Und weitere 15 Min. bis ich hingedüst bin und das Attest geholt habe.

Braucht jemand ein Eimerchen Adrenalin? .. ich hätte eins über ...

Montagmorgen – der Tag der mündlichen Abiturprüfung.
Ausserdem der 7. Geburtstag von Tochter 3/3, aber sowas macht Mutter ja so nebenbei – Multitaskingfähigkeit ist alles *stoischer Blick*
Ich fahre meine Tochter zur Prüfung.
Erstens weil ich ihren Fahrkünsten unter diesem Druck nicht vertraue (sonst fährt sie klasse. Vermutlich besser als ich), zweitens weil ich dann in den 30 Min. Autofahrt noch „Ruhe“ rüberschieben kann und drittens .. tja .. ich rechne innerlich damit, dass sie es nicht schafft (was ich natürlich nie nicht zugeben würde!) und dann weiß ich nicht wie sie reagiert – da lass ich sie lieber nicht alleine.

Sie zieht aufgeregt, aber nicht in Panik, ab zur Prüfung.
Ich schlag Zeit tot mit shopping und waaaaaaaaaaaaaaarte ...
Ca. 2 Std. später ruft sie an – heulend – es hat nicht gereicht. Sie hat nur 5 Punkte bekommen, 7 hätten es sein müssen. Aber sie hat sich schon für den nächsten Tag zur Nachprüfung angemeldet. Allerdings braucht sie da dann nicht diese lächerlichen 2 Punkte, sondern 6, da Nachprüfungen nur zum Drittel zählen.
6 Punkte mündlich in Physik – ich hab Zahnschmerzen.
Und grübel über dieses Kind nach. Dieser Wille, dieses Immer-wieder-Aufrappeln, diese Schwäche auf der einen Seite und die Stärke auf der anderen. Egal was rauskommt: Mit diesem Durchhaltewillen wird sie ALLES im Leben meistern.
Ich fahre ein unglückliches Nervenbündel nach Hause. Noch auf der Fahrt organisiert sie jemanden, der eine Stunde später mit ihr Physik übt. Kann mir nicht vorstellen, dass das sinnvoll ist, aber werde mich hüten reinzureden. Außerdem muß ich mich um Geburtstag, Kaffee, Kuchen, Gäste usw. für die Kleine kümmern.
Abends taucht Tochter 2/3 wieder auf.
Die Nachprüfung ist am nächsten Morgen um 8 Uhr.
Ich werd blass, weil ich nicht weiß wie ich sie dann hinfahren soll. Aber sie hat schon jemanden organisiert, der sie fährt – ich muss nur um 9 Uhr abholen kommen. Das klappt locker.
Sie sieht todkrank aus. Ich steh ratlos davor, würde es ihr so gerne abnehmen, aber kann nicht.
Was macht man als Mutter? Knuddeln, füttern, reden und da-sein.
Wir machen uns etwas Leckeres zum Essen (Gemüsesticks und Dips, dazu in Olivenöl und Knoblauch geröstetes Weißbrot) und ich nötige sie ein Glas Rosewein zu trinken, in der Hoffnung, dass sie dann doch zum Schlafen kommt. Wir reden und reden und reden.
Ich nehme ihr das Versprechen ab, dass dies die letzte Prüfung ist. Sie hat sich zwar für noch eine Nachprüfung angemeldet, aber es muß mal gut sein. Da kann nichts mehr bei rauskommen.
Ihr Freund kommt und übernimmt das weitere seelische Händchen-halten. Ich hoffe sie kann ein paar Stunden schlafen.
Morgens weckt sie mich ganz früh – sie kann grad nicht alleine sein.
Noch im Halbschlaf rede ich beruhigend mit ihr und stelle fest, dass Halbschlaf ein erstklassiger Zustand für diese Aufgabe ist. Meine Nervösität schläft noch.
Sie wird abgeholt – ich schicke ein Stoßgebet hinterher.
Nach einem herzhaften Gähnen spule ich den üblichen Alltagmorgen ab: Katzen – Kind – Hund.
Nur Frühstück fällt flach, ich krieg nix runter.
Dann schmeiß ich mich ins Auto und fahr zur Schule runter.
Dabei immer nervöse Blicke aufs Handy. Hab ich den Anruf/SMS übersehen? Müßte sie nicht die Ergebnisse schon haben? Wieso meldet sie sich nicht? Wie geht es meinem Kind??
Mein Fahrstil leidet. Ich merke es und fahre betont langsam und vorsichtig.
Dabei ist mir nach Im-Affenzahn-ohne-Rücksicht-auf-Verluste-Durchbrausen.

Beim Schülerparkplatz angekommen seh ich zwei Mädels an der Einfahrt rumstehen. Eins ist meine Tochter. Sie sieht mir entgegen, ihr Gesicht ist regungslos, ich kann nichts erkennen. Ich bin so irritiert, dass ich abbremse und auf der Strasse vor der Einfahrt stehen bleibe. Was ist los? JA oder NEIN????
Mein Gesicht dürfte ein einziges Fragezeichen sein.
Da lächelt sie leicht und macht den Daumen hoch! BESTANDEN!!
Ich bin perplex. Hinter mir hupt was. Ich park irgendwo und renn zu ihr hin. Frage nach. (Genau die benötigten 6 Punkte. Punktlandung!) Knuddel sie (zu fest – ihr Rücken schmerzt noch vom Unfall) könnte sie rumschleudern vor Freude, in die Luft schmeißen und brüllen.
Käm aber vermutlich etwas komisch in meinem Alter.

Wir gehen ins Café frühstücken .. zwei Stunden lang .. komische Stimmung.
Freude, Leere, Erleichterung, Ungläubigkeit ... irritierend.

Komisches Karma: Immer plötzliche Katastrophen und Krisen mit enormen Adrenalinschüben. Immer sieht es total brenzlig aus, aber im letzten Moment geht es dann doch gut aus.
Sollte sie einen Studienplatz bekommen, dann wird sie an ihrer Wunsch-Uni mit ihrem Wunsch-Fach auf einer ellenlangen Warteliste die letzte sein, die noch einen Studienplatz bekommt .... nachdem das Studium schon zwei Wochen angefangen hat .. ich sags euch ... *stöhn*

Meine Tochter hat jetzt ihr Abitur.
Wir können es immer noch nicht fassen.